Kunstform Puppenspiel
Liebes Publikum,
ich freue mich, Sie heute hier zu Puppe Spezial am DT Berlin begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Sofie Neu. Ich bin Dramaturgin am Städtischen Puppentheater Magdeburg. Das ist vielleicht für manche schon die erste interessante Information – ja, es gibt in Deutschland ein eigenständiges, nicht an ein großes Haus als Sparte angegliedertes, städtisches Puppentheater mit festem Ensemble.
Der Anlass für dieses Wochenende ist, dass am DT neuerdings vermehrt Puppen zu sehen sind – bei Nikolaus Habjan und Neville Tranter Klappmaulpuppen und auch der Regisseur Jan Christoph Gockel nutzt mit dem Puppenspieler und -bauer Michael Pietzsch verschiedene Formen in seinen Inszenierungen.
Heute blicken wir von zwei Seiten auf das Genre, sozusagen von zwei Extremen her: Studierende des Studiengangs zeitgenössische Puppenspielkunst der Hochschule „Ernst Busch“ zeigen uns ihre eigenen freien Arbeiten und die etablierte Puppenspielerin, -regisseurin und -bauerin Suse Wächter tritt mit ihren bekannten Menschenpuppen auf.
Mir ist es wichtig, ihnen ein wenig die Themen und Möglichkeiten dieser komplexen und oft unterschätzten Kunstform zu vermitteln und Ihnen zu sagen: Es gibt noch sehr viel dazwischen und darüber hinaus.
Auf den Festivals wie der FIDENA in Bochum, im Studiengang Figurentheater in Stuttgart, in freien Produktionshäusern wie dem FITZ ebendort oder der Schaubude in Berlin, bei freien Gruppen und Einzelspieler*innen und eben an den städtischen Ensemblepuppentheatern und –sparten in Ostdeutschland sowie in Koblenz oder Gelsenkirchen und an vielen anderen Orten.
Es ist Ihnen vielleicht schon aufgefallen – die Begriffe sind nicht so klar. Puppentheater, Figurentheater, Objekttheater, was denn jetzt?
Historisch wurde oft vom „Puppenspiel“ gesprochen und in der DDR ganz klar von „Puppentheater“. Diese entstanden in den 1950er und 60er Jahren nach sowjetischem Vorbild und viele waren nach der Wende von Schließung, Verkleinerung oder Angliederung betroffen.
In Westdeutschland gab es das nie in dieser Form. Man wollte sich davon abgrenzen und die Offenheit der Form betonen – es wird eben nicht nur mit Puppen gespielt. Daher setzt sich ca. ab den 1970er Jahren dort der Begriff „Figurentheater“ durch.
Das Objekttheater, das mit nicht extra hergestellten Alltagsgegenständen arbeitet, kommt in den 1980ern aus Frankreich dazu.
Ja, Ost-West Unterschiede machen bis heute diese Kunstform aus.
Gemeinsam ist all diesen Formen aber: Das Ding auf der Bühne ist kein Requisit, sondern spielt aktiv mit. Das passiert durch den Vorgang der Animation. Griechisch anima heißt Seele. Ein lebloses Ding wird also belebt, ihm wird eine Seele gegeben. Das hat für darstellendes Spiel viele Vorteile:
Die Figur kann beliebig gestaltet sein. Sie ist nicht an körperliche Merkmale und Eigenschaften der Spieler*innen gebunden, und auch nicht an die Schwerkraft. Die ästhetische Gestaltungsvielfalt ist unendlich, was Puppentheater in die Nähe der Bildenden Kunst rückt. Von der flüchtigen Kunstform Theater bleiben bei uns die Hauptpersonen übrig und oft sind sie in Sammlungen und Museen wie in Dresden oder München oder bei uns in Magdeburg in der Figurensammlung, der villa p., zu sehen.
Ebenso nah steht die Puppe der Technik, denn oft handelt es sich um mechanische Meisterwerke. Zu Beginn steht immer die Erforschung des Materials und die Frage: Was soll die Puppe darstellen und was muss sie dazu können? Die Animation wird erst komplett durch Sie, das Publikum. Im Gegensatz zu früher, als Puppenspieler*innen meist hinter Spielleisten versteckt waren oder ganz in Schwarz mit Masken ausgeblendet werden sollten, wird heute oft offen gespielt. Das heißt, Sie sehen, wie es gemacht wird und empfinden es doch als wahrhaftig durch die eigene Fantasie. Puppengesichter bleiben gleich und doch können wir in ein und demselben Gesicht unterschiedlichste Emotionen hineinsehen durch das, was Puppenspieler:innen hineingeben. Dazu nutzen sie wie Schauspieler:innen mit Techniken der Bewegung und Stimme den eigenen Körper. Sie nutzen aber eben auch den Körper der Figur, der sie eine eigene Stimme verleihen.
Diese Dreiteiligkeit des Animationsvorganges zwischen Figur – Spieler:in und Zuschauer:in legt multiperspektivisches Erzählen mit mehreren Ebenen nahe. Oft werden Themen wie Tod, Erinnerung oder verschiedene Zeitebenen gleichzeitig verhandelt. Daher wundert es auch nicht, dass im aktuellen „Theater der Dinge“ das sogenannte Anthropozän, also Umweltdiskurse, vielfach zu finden sind. Nicht-menschliche Akteure rücken ins Zentrum, erhalten eine Stimme, ermöglichen einen Perspektivwechsel. Und durch das immer inhärente Thema der Manipulation und Macht über ein Objekt werden oftmals Geschichten erzählt von marginalisierten oder vergessenen Biografien.
Puppenspiel und Schauspiel haben eine bewegte gemeinsame Geschichte. Beide haben ihren Ursprung in Ritus und Religion. Menschen haben wahrscheinlich schon immer Abbilder ihrer selbst hergestellt, aus dem antiken Griechenland kennt man Gliederpuppen. Die erste textliche Erwähnung von Puppenspiel in Europa findet sich im 13. Jahrhundert. Während das Schauspiel im 18. Jahrhundert an Hoftheatern sesshaft und institutionalisiert wird, wird das Puppenspiel weiter von herumziehenden Truppen auf Marktplätzen und in Gasthöfen betrieben. Das Theater des einfachen Volkes ist Repression und Zensur ausgesetzt, bietet aber immer wieder auch künstlerischen Avantgarden Inspiration wie den Romantikern oder in den 20er Jahren Künstler:innen der klassischen Moderne wie am Bauhaus.
Das Nischendasein hat Vor- und Nachteile: Die Narrenfreiheit, das Oppositionelle und das Dasein als Allround-Künstler:innen, die oft auch Puppenbau, Bühnengestaltung und Regie übernehmen, all das lebt bis heute fort.
Ab den 1990er und 2000er Jahren geraten Puppen vermehrt auf Schauspielbühnen, heute zum Beispiel zu sehen in den Inszenierungen des Puppenspielers und Regisseurs Moritz Sostmann, der Hausregisseur am Schauspiel Leipzig war und heute am Schauspiel Köln ist. Zuerst aber in der legendären Inszenierung „Weihnachten bei Ivanovs“ 1995 im Maxim Gorki Theater Berlin, Regie Tom Kühnel und Robert Schuster, auf der Bühne: Suse Wächter, die sie heute hier erleben werden bei „Auf eine Zigarre mit Sigmund Freud“. Typisch für sie sind verkleinerte, aber täuschend echte Menschenpuppen, die sie selbst baut. Wie Freud stammen sie aus "Helden des 20. Jahrhunderts", einem zentralen Projekt ihres Schaffens, ein Panorama von fast 100 Miniatur-Porträts berühmter Persönlichkeiten. Die 1969 in Sangerhausen geborene Wächter, die in den 90er Jahre an der Abteilung Puppenspielkunst der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studierte, steht für technische und handwerkliche Perfektion und dem Neben- und Miteinander von Schauspiel, Puppenspiel und Musik.
Aber die historischen Gegebenheiten wirken bis heute nach: das Puppentheater hat mit krassen Klischees zu kämpfen: Derbes Volkstheater, Kinderkram, Kleinkunst, DDR-Kulturgut – all das wirkt sicher hinein in die Unterschätzung des Genres. Es fehlt dieser Kunstform an wissenschaftlicher und finanzieller Förderung, an Fachkritik im Feuilleton, an Preisen und Aufmerksamkeit. Oft wird es einfach mit Kinder- und Jugendtheater in einen Topf geworfen, was ein ebenso unterschätztes Genre ist.
Puppentheater hat zuerst für Erwachsene existiert und tut es noch immer, wurde aber nach der Jahrhundertwende für pädagogische und therapeutische Zwecke entdeckt und vermehrt für Kinder eingesetzt. Das sollte eigentlich gar kein Grund für Abwertung sein, denn es ist sehr anspruchsvoll, Theater für Kinder zu machen. Aber so ist leider der Blick darauf.
So gibt es z. B. beim deutschen Theaterpreis DER FAUST keine eigene Nominierungskategorie für Figurentheater, so dass, wenn überhaupt, Künstler:innen im Bereich Schauspiel oder Kinder- und Jugendtheater nominiert werden und keine echte Sichtbarkeit entsteht. Für Genres wie Musiktheater oder Tanz wäre das undenkbar. Ein Versuch das zu ändern, startet gerade das Bündnis Komplexx Figurentheater mit kooperierenden Institutionen.
Die drei Arbeiten der Puppenspielkunst-Studierenden zeigen heute verschiedene Formen, die immer mit den Themen der Stücke eng verknüpft sind:
In „Sandfressen“ von Sven Tillmann begegnet uns wie oft im Figurentheater ein Tisch als Spielfläche und wir sehen eine skizzenhaft gestaltete Welt aus Pappe. Erzählt wird von Einsamkeit: Einsamkeit auf einer Insel, aber auch im Findungsprozess einer Geschichte. Mittel sind daher auch Papier und andere Büromaterialien. Wichtig ist für diese Welt auch Sound, der unsere Fantasie entfacht: Das Wasser in einer Trinkflasche wird zum Ozean – die große Welt im ganz Kleinen. In der Vielfalt der hier genutzten Formen wird eine bloße Pappe auch mal zur Maske, dem Grenzbereich zwischen Schau- und Puppenspiel, bei dem der menschliche Körper selbst abstrahiert wird. Und eine Handpuppe aus einem Socken tritt in einen intimen Dialog mit dem Spieler, der hier als Allround-Künstler in einem Solo zu sehen ist. Ein einzelner kann mit den Mitteln des Dingtheaters sehr einfach sehr viele sein, was hier auch wegen des Themas Allein-Zurecht-Kommen-Müssen naheliegt.
In „Die Ur-Venus* (*oder Ur-nicht die Venus)“ von Gerda Pethke, Odile Pothier und Almut Schäfer-Kubelka steht ein Objekt im Fokus, das Sie wahrscheinlich kennen: Der archäologische Fund der sogenannten Venus von Willendorf, real ausgestellt im naturhistorischen Museum Wien, hier als Tischpuppe, die durch das Licht in Szene gesetzt und von drei Spielerinnen in Menschenrollen betrachtet und interpretiert wird. Geschichtsschreibung und Wissenschaft sind auch immer Projektionen und eine Frage der Macht. Und es wäre nicht Puppentheater, wenn das Objekt nicht schließlich selbst zum Leben erwachen und eine eigene Handlungsmacht und Perspektive bekommen würde.
Deutlich wird hier die Arbeitsweise zu Beginn eines Projekts: Das Betrachten einer spezifischen Figur mit der Frage: Wie könnte sie sich bewegen, wie sprechen? Was ist ihr eigen? Wenn dann ein solcher Bewegungskanon ausformuliert wird, ist auch ein Erzählen ohne Lautsprache problemlos möglich. Hier verbindet sich die Nähe von Puppentheater mit Museen und Archiven. Beide stellen die Frage nach der Beziehung der Menschen zu ihren Objekten. Die Vorstellung, dass in Dingen eine Seele wohnt, ist vielen Kulturen inhärent, in Japan gibt es z. B. Geister in vernachlässigten Alltagsgegenständen, die Tsukumogami. Am Ende sagt unser Umgang mit den Dingen mehr über uns aus als über die Dinge selbst.
„Die Zofen“, ein Schauspiel und Puppenspiel nach Jean Genet, in der Regie der Regiestudierenden Naemi Friedmann, gespielt von Sven Tilmann, Maximilian Teschemacher und Almut Schäfer-Kubelka steht ganz im doppelten Sinne des Stückzitates „Eine Handbewegung von mir würde genügen und du würdest aufhören zu existieren.“
Eine durchgegliederte Ganzkörperpuppe mit Tierkopf wird nach der traditionell japanischen Puppenspielkunst Bunraku zu dritt gespielt, wobei eine Person an den Füßen, eine am Steiß und der linken Hand ist, sowie die führende Person an Kopf und rechter Hand. Die gemeinsame Koordination ist wie tanzen, wie gemeinsam atmen. Und um eben diese Positionen entspinnt sich ein Kampf.
Bei der offenen Spielweise stellt sich grundsätzlich die Frage: Wer sind die Puppenspieler:innen? Einfach eine Erzählinstanz? Oder eine ins Stück gehörende Rolle, wie hier die der Dienerinnen? Zwischen Dienerin und Herrin besteht eine Abhängigkeit wie in der intimen Beziehung zwischen Puppenspieler:in und Puppe. Das sehen wir hier durchexerziert anhand der Frage: Was macht Macht mit Menschen?
Achten Sie Mal darauf: Wer führt wann wie die Puppe und auf wem liegt der mit Blicken geführte Fokus?
Es gibt Vieles, was Sie hier heute nicht sehen: Schattenspiel, klassisches Objekt- oder künstlerisch forschendes Materialtheater, Marionetten, Großmasken, Papiertheater, live Animationsfilme oder digitale Avatare und Welten.
Man könnte über die Welt der animierten Formen noch viel, viel länger sprechen, aber jetzt können Sie einfach schauen und selbst entdecken.
Mir bleibt noch zu sagen, dass Sie mich heute Abend jederzeit ansprechen und Dinge fragen können.
Ebenso haben wir einen Büchertisch eingerichtet mit Ansichtsexemplaren von Büchern und Spielplänen der angesprochenen Orte, an denen Sie Puppen-, Figuren- und Objekttheater entdecken können.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche viel Spaß!
Hier finden Sie das Programm von DT Kontext
Hier finden sie alle Informationen zum Puppentheater Magdeburg
Hier finden Sie weitere Informationen zum Bündnis KompleXX Figurentheater