Theater Koblenz: „SIE - Szenen des Unbehagens“
11. März 2026
Fragil und tapfer thront das kleine, beleuchtete Haus auf den Klippen, in der gefühlt unendlichen Weite der Bühne. Ein unheilvolles elektrisches Dröhnen liegt unter der Szene, erzählt von Einsamkeit, Bedrohung und Düsternis. Davor, auf einen Gaze-Vorhang, ist ein apokalyptisch zerstörtes London projiziert – und das kleine Haus wirkt, als sei es die letzte Zufluchtsstätte von „Kay“, der Erzählerin. Als Figur taucht sie gleich zweimal auf: einmal leuchtet ihr Bild auf Gaze, zwischen Hund und Büchern - einmal erscheint sie beleuchtet als Tischpuppe, schreibend im Cottage. Papier zerknüllend. Wieder schreibend. Erneut, schreibt sie im Brief, seien Bücher verschwunden. Waren „sie“ schon hier? Vier Schauspieler (Dietmar Bertram, Hendrika de Kramer, Tanja Linnekogel, Sophia Walter) führen mal abwechselnd, mal zu zweit, aber immer mit eleganter Würde die androgyne Puppe mit schönen braunen Augen, Tweed-Weste und kleinen grünen Gummistiefeln. Immer wieder setzt sich Kay mit Hund auf die Felsen zum Zuschauerraum, zweifelt an ihrer Wahrnehmung, versucht, sich letzte Freiheitsräume in der Gegenwelt der Natur zu erhalten.
1977 veröffentlichte die 1915 geborene britische Schriftstellerin und Journalistin Kay Dick den dystopischen Roman „SIE – Szenen des Unbehagens“. Lange war er nahezu vergessen, 2022 wurde er wieder kaufgelegt bei Hoffmann & Campe und erhält nun ganz neue Aufmerksamkeit. Vielleicht, weil er so rätselhaft hellsichtig wirkt. In losen Szenen erzählt er, wie jede Kunst von „ihnen“, einer anonymen Masse, bedroht wird. Erst verschwinden Bücher, Noten und Farben, dann werden Museen geschlossen, schließlich Künstler abgeführt und gefoltert, sediert in Türmen ohne Licht, in denen sie „von ihrer Identität geheilt“ werden sollen. Was bleibt, ist nur die Kraft, sich zu erinnern, sich mit den letzten Verbliebenen zu verbünden, die noch an Kunst glauben – doch auch sie könnten schon Verräter sein.

"SIE - Szenen des Unbehagens": (v.l.n.r.) Hendrika de Kramer, Dietmar Bertram, Sophia Walther, Tanja Linnekogel © Matthias Baus
Am Theater Koblenz inszeniert Ivana Sajević den rätselhaften Text als Puppenspiel in mehreren Dimensionen, kreiert magisch-düstere Atmosphären wie in einer Gothic Novel. Alle Figuren, Schauplätze und Perspektiven existieren hier in verschiedenen Größen und Ebenen, verwirrend und traumschön schichten sich die Szenenbilder über- und hintereinander. Mal ist Kays Cottage winzig klein, dann wieder erscheint es als Projektion überdimensional groß. In wunderbarer Ruhe agieren die Schauspieler, türmen Kästen und Module aufeinander, leuchten mit Taschenlampen aus, rollen Tische herbei – und erschaffen fortwährend neue Räume und Stimmungen. Möwen schreien, Insekten zirpen, Gefahr dröhnt. In jeder neuen Szene werden neue Figuren mit Namen auf Gaze eingeblendet, zunächst scheint es keinen Zusammenhang zu geben.
Und dennoch formt sich immer mehr das Gesamtbild einer bedrohten Dorfgemeinschaft, die sich eigentlich wehren will – und doch am Ende resigniert. Manche Szenen spielen in Puppenhaus-kleinen Kästen mit Mini-Figuren aus dem 3D-Drucker, die aus winzigen Tässchen Tee trinken, lässig stecken die Schauspieler sie nach ihrem Auftritt wieder in ihre Anzugtaschen. Dann wieder setzt sich die Puppe Kay mit ihrem Hund auf lebensgroße Felsen an den Bühnenrand, nachdenklich und heiter, im stillen Rückzug und Widerstand. Und dann gibt es noch eine auf Gaze projizierte Traumwelt aus Schönheit und Natur: eine spektakuläre englische Klippen-Landschaft, ein bunter Vogel fliegt in Zeitlupe, Seelandschaften, Blütenmeere, eine vergehende Utopie.

"SIE - Szenen des Unbehagens" © Matthias Baus
Denn die glücklichen Zeiten scheinen vorbei, immer mehr verengt sich der Spielraum, wachsen Misstrauen und vorauseilender Gehorsam. Eine Nachbarin bewundert Blumen in Kays Garten – und wirft sie verächtlich weg, als sie eine als Geschenk erhält. Bücher werden missachtet, auf Kommunikation verzichtet. Manchmal bauen die Schauspieler die Figuren nur noch aus Kleidungsstücken, halten Hüte und Mäntel vor sich, animieren sie mit ihren Armen: bedrohte Menschen, die nur noch aus Außenhüllen bestehen und deren Innenraum leer bleibt, wenn alles Individuelle verfolgt wird. „Sie“, der kunstfeindliche Mob, erscheint nur einmal auf der Bühne: als grinsende Masken, die in einer Feuerprojektion tanzen, in der alles verbrannt wird, was an Kunst erinnert. Immer brutaler und enthemmter erscheint eine Welt, in der Kinder Fuchswelpen verbrennen.
Lieblich und vielstimmig tönt das Ensemble am Ende Simon & Garfunkels „Songs of Silence“ an, besingt die Sehnsucht nach Schönheit und zunehmende Isolation der letzten Gläubigen an die Kunst, ihr Umfallen im Angesicht der autoritären Bedrohung. Regisseurin Ivana Sajević macht Kay Dicks Roman nicht unbedingt zugänglicher, aber erfasst mit ihrem vielperspektivischen Figuren- und Objekttheater doch meisterhaft seine bedrohliche Grundatmosphäre. Der Abend erzählt, dass Kunst tiefste Freiheit ist und deshalb gefährlich werden kann für autoritäre Regime – und davon, wie Menschen einfach umfallen können, weil Widerstand eben anstrengend ist. Erschreckend aktuell fühlt sich das an. Am Ende appelliert die Puppe Kay tapfer ins Publikum: „Wir müssen neugierig bleiben. Es wird immer jemanden geben, der zuhört, hinschaut, wahrnimmt.“ Wenn er sich denn dann noch traut.
Theater Koblenz: "SIE – Szenen des Unbehagens"
nach dem Roman von Kay Dick
aus dem Englischen von Kathrin Razum
Uraufführung am Theater Koblenz
Mit Dietmar Bertram, Hendrika de Kramer, Tanja Linnekogel, Sophia Walter | Inszenierung Ivana Sajević | Bühne und Kostüme Melanie Kinthinger | Puppenbau Noura Leder, Sebastian Hennig | Video Andreas Martini, Ivana Sajević | Musik Manfred Engelmayr | Dramaturgie Juliane Wulfgramm