Zoe Lohmann aka Alexander Cameltoe, Schaubude Berlin: "Cynthia" & "The Art of Making Cynthia"
10. März 2026
Nichtmenschliche Darsteller*innen nehmen beachtlichen Raum ein in der Drag-Puppen-Performance „Cynthia“ und dem begleitenden Dokumentarfilm „The Art of Making Cynthia“. Filmemacher Paulius Siauciukenas fängt etwa den Hund des Produktionsteams ein, wie er mit undurchdringlichem Blick von einem Fenster im ersten Stock auf die Menschen blickt, die unten auf dem Bürgersteig ein Picknick einnehmen und sich gegenseitig aufmunternde Worte zurufen. Glaubt man den Aussagen von Zoe Lohmann und ihren Mitstreiter*innen, dann hatten sie insgesamt nur zwei Wochen Zeit, um die Produktion über die in den USA einst legendäre Schaufensterpuppe Cynthia und deren schrillen Schöpfer Lester Gaba bühnenreif zu machen. Ziemlich beachtlich.
„The Art of Making Cynthia“ zeigt auch immer wieder, wie Drag King-Performer Lohmann (aka Alexander Cameltoe) einerseits von Gabas Geschichte fasziniert ist, andererseits beim Schreiben des Stücks gelegentlich auf blockierende Momente trifft. Gelöst werden sie durch die enge Zusammenarbeit mit Ama Heredia, Monica Lerch und Sabina Moe. Die übernehmen nicht nur diverse Aufgaben wie Produktion (Heredia), Puppenspielregie (Lerch) und Choreographie (Moe). Weil Lohmann, Absolvent*in des zweiten Jahrgangs des Studiengangs Spiel und Objekt der Hochschule „Ernst Busch“, immer mehr Puppen und Objekte ins Spiel einbindet, sind Heredia, Lerch und Moe dann auch in Sachen Animation gefordert. Sie bewegen unter anderem eine Schneiderpuppe mitsamt Mantel, die Gabas Vater darstellen soll. Ein Sakko nebst Kleiderbügel und Mütze ist Gabas Freund Vincente Minelli, der spätere Vater von Liza Minelli. Auch Köpfe von Schaufensterpuppen werden immer mal wieder zum Sprechen gebracht. Leider ist der Umgang mit diesen Objekten, inclusive der Titel gebenden Schaufensterpuppe, in den Probensequenzen im Film wilder, variantenreicher und komischer als in der Aufführung selbst. Mehr Mut zum eigenen Punk-Sein hätte man da Lohmann & Co. gewünscht.

"Cynthia": (v.l.n.r.) Zoe Lohmann aka Alexander Cameltoe, Monica Lerch © Schaubude Berlin
Die Show selbst besteht aus drei größeren Segmenten. Im ersten Teil orientiert sich Lohmann stark an der Biografie Gabas und erzählt in einer Art Drag King-Performance im blauen Anzug dessen Lebensweg vom Seifenskulpturenschnitzer zum Star in Sachen Schaufensterdekoration nach. Landesweiten Ruhm erfuhr er in den 1930er Jahren. Da waren nicht nur seine lebensechten Schaufensterpuppen ein echter Hingucker auf New Yorks 5th Avenue. Die mutmaßlich attraktivste von ihnen nahm er auch mit auf die Straße, in die Oper und zu diversen Festen. Das Magazin „Life“ widmete Cynthia eine Titelgeschichte. Auch eigene Kolumnen und Radioshows hatte Cynthia. Nicht zu Unrecht wertet Lohmann Cynthia daher als frühe nichtmenschliche Influencerin. Und weil Gaba selbst offenbar ein großer Musical-Fan war, singt und tanzt Lohmann als Gaba dessen Erfolgsgeschichte. Puppen und Objekte sind dabei aber kaum mehr als Staffage.
Das ändert sich im zweiten Teil. Dort emanzipiert sich die Geschichte von Cynthia von der ihres Schöpfers, allerdings auf traurige Art. Die historische Puppe verunfallt. Lohmann inspiriert das zu einer Szene, in der das Mannequin erst über Erschöpfung klagt und dann von Heredia, Lerch und Moe komplett desintegriert wird. Arme und Beine machen sich selbständig. Als Höhepunkt, als letztes fieberhaftes Aufbäumen, erfolgt mit einer kleinen Gliederpuppe ein sechshändig geführter Puppen-Striptease.

"Cynthia": (v.l.n.r.) Ama Heredia, Monica Lerch, Sabina Moe, Zoe Lohmann aka Alexander Cameltoe © Schaubude Berlin
Um den Narrationsstrang Influencerin in die Gegenwart zu holen, entscheidet sich Lohmann im dritten Teil des Abends schließlich zu einer Art Selbstbewusstseinscoaching des Publikums. Aus mangelnder Kenntnis dieses Gesellschafts- und Geschäftsbereichs enthält sich der Rezensent einer Wertung über die möglicherweise komischen oder auch kritischen Potenziale dieser Episode.
„Cynthia“ greift ein tolles Thema auf, schöpft das grandiose Potenzial aber nicht vollends aus. „The Art of Making Cynthia“ gibt erhellende Einblicke in den Produktionsprozess. Die Dokumentation macht deutlich, dass Lohmann aka Cameltoe auch jenseits der Bühne eine Persönlichkeit mit beträchtlichem Sendungsbewusstsein und Sinn für Präsenz ist. Das Doublefeature aus Aufführung und dokumentarischem Porträt ist daher ein echter Glücksfall. Zugleich lässt das Making-of aber auch vermuten, dass die Show mit einem Mehr an Zeit für künstlerische Experimente und reifere Entscheidungen noch um einiges gehaltvoller hätte werden können.
Zoe Lohmann aka Alexander Cameltoe: "Cynthia"
Spiel Ama Heredia, Monica Lerch, Zoe Lohmann aka Alexander Cameltoe, Sabina Moe | Konzept, Text, Regie Zoe Lohmann | Regie Puppenspiel Monica Lerch | Sounddesign Emilija Fjalkauskaite | Choreografie Sabina Moe | Produktion Ama Heredia
Premiere: 17. April 2025, Schaubude Berlin
Dauer: 85 Min.
Paulius Siauciukenas: "The Art of Making Cynthia"
Kamera Paulius Siauciukenas (Art-Courier prod.) | Tontechnik Emilija Fijalkauskaite (Fayem Audio) | Color Grading Marvin Pritzens
Premiere: 7. März 2026, Schaubude Berlin
Dauer: 45 Min.